Rudolf II. als Herrscher

Aufstieg zur Macht

Nach dem Tod seines Vaters, Maximilian II., erwarb Rudolf Anspruch auf das sogenannte "kaiserliche" Ungarn sowie Böhmen. Beide Länder befanden sich seit Ferdinand I. unter habsburgischer Herrschaft. Ferdinand I. war der Schwager des in der Schlacht von Mohács gefallenen ungarischen Königs Ludwig II. Jagiello. Ungarn war zur damaligen Zeit in drei Territorien geteilt: Westungarn umfaßte das Gebiet von der Slowakei bis nach Kroatien. Mittelungarn, die ungarische Tiefebene zwischen Donau und Theiß, stand unter osmanischer Herrschaft. Siebenbürgen befand sich ebenfalls zumeist in Abhängigkeit des Osmanischen Reiches.
Rudolf mußte sich 1572 wie sein Vater der Wahl durch die ungarischen Stände stellen. Die Krönungszeremonie fand in Stuhlweißenburg statt. Die Teilnehmer setzten sich aus Adel, Klerus, Einheimischen und Landsleuten Rudolfs II. zusammen. Ein bildliches Zeugnis der Krönung liefert die Hauskrone Rudolfs.

Durch die Herrschaft der Habsburger in Böhmen besaßen sie eine politisch und wirschaftlich einflußreiche Machtposition, die sie bei der Wahl des römisch-deutschen Königs einzusetzen wußten. Anders als bei der Wahl Rudolfs zum ungarischen König einigten sich die Stände in Böhmen und das Haus Habsburg auf einen Kompromiß. Die Habsburger "verzichteten" offiziell auf ihr Erbrecht, Adel und Klerus wurden um ihre Zustimmung gebeten. Die Krönung zum böhmischen König, die im Prager Veitsdom gefeiert wurde, war für Rudolf ein Meilenstein in seinem Werdegang, denn nur unter diesen Voraussetzungen war es ihm möglich, Anspruch auf die Herrschaft im Heiligen Römischen Reich zu erheben. Prag in Böhmen sollte zur Residenz Rudolfs werden - wirtschaftlicher Reichtum, politischer Einfluß und kulturelle Blüte führten dazu.

Nachdem nun Rudolf bereits Herrscher in Böhmen und Ungarn war, mußte er sich nun der Wahl durch die Kurfürstenkurie stellen. Diese bestand aus den katholischen Erzbischöfen von Mainz, Köln und Trier. Zu den vier weltlichen Kurfürstentümern zählten Sachsen, Brandenburg, Pfalz und Böhmen, die - bis auf Rudolfs Herrschaftsgebiet - unter protestantischem Einfluß standen. Entgegen den anti-habsburgisch ausgerichteten Bestrebungen des Kurfürsten von der Pfalz gelang es schließlich - mit Hilfe des Gerüchts über eine Verlobung Rudolfs mit der Tochter des sächsichen Kurfürsten - die Kurie von der Wahl Rudolfs zum neuen römisch-deutschen Kaiser zu überzeugen.

Die Krönung erfolgte im Oktober 1576 in Regensburg. Die Krönungsinsignien, deren Anfertigung auf das Jahr 950 geschätzt wird, werden heute - ebenso wie die Hauskrone Rudolfs - in der Wiener Schatzkammer aufbewahrt. Die private Krone zeigt - als habsburgisches Statussymbol - Rudolf im Rahmen der drei Krönungsfeierlichkeiten und als Türkensieger. Als Kaiser des Heiligen Römischen Reiches hatte Rudolf eine Machtposition inne, die ihm Ruhm und Ehre verschaffte, jedoch keinen realen politischen Einfluß sicherte. Das Oberhaupt dieses Reiches hatte für "Pax et Iustitia" zu sorgen. Um die politische Landschaft in Europa mitbestimmen zu können, war Rudolf daher auf Unterstützung aus Böhmen und Ungarn angewiesen.


Türkenkriege

Nachdem die Türken bereits im 15. Jahrhundert weit auf den Balkan vorgedrungen waren und Byzanz erobert hatten, drangen sie zur Zeit Rudolfs immer mehr nach Ungarn vor. Die Niederlage der ungarischen Armee gegen Sultan Süleyman in der Schlacht von Mohács stellte Rudolf vor die schwierige Aufgabe, sein Herrschaftsgebiet gegen die Osmanen zu verteidigen. Der römisch-deutsche Kaiser bemühte sich stets zum Hof in Istanbul gute Beziehungen zu wahren, standen ihm doch zeitlebens drei verschiedene Sultane (Murad III., Mehmed III., Ahmed I.) feindlich gegenüber. Die Kriegstechnik der Osmanen war in Europa wegen ihrer Schnelligkeit und Gewandtheit gefürchtet. Die Truppen bestanden aus einer leichten Reiterei, die durch Fußtruppen ergänzt wurde, um eine dauernde Besetzung eines Gebietes zu ermöglichen. So gelang es den Türken im Laufe der Eroberungen in den Kontinenten Asien, Afrika und Europa Fuß zu fassen.

Die Türkenkriege während der Herrschaft Rudolfs erstreckten sich über einen Zeitraum von 1592 bis 1606. Motive für den Kampf der Türken war der im Islam geforderte Heilige Krieg, der laut Glaubenslehre ununterbrochen zu führen ist. Die Wirtschaft trug immer größeren Schaden davon, je länger der Krieg andauerte, denn die Truppen mußten finanziert werden. Dies führte zu gesteigertem politischen Einfluß von Adeligen und Klerus im Reichstag, denn diese traten als Financiers des Türkenkrieges auf. Durch gezielte Propaganda (überzeichnete, furchterregende Berichterstattung und "Absagebriefe" seitens des kaiserlichen Hofes) erzielte man eine höhere Bereitschaft der Bevölkerung, die Türkensteuer zu bezahlen.

Nachdem der Sultan 1592 den Angriff auf Westungarn begonnen hatte, wurden die feindlichen Truppen in der Schlacht bei Sisak in Kroatien vom kaiserlichen Heer unter Freiherr von Eggenberg vernichtend geschlagen. Zwei Jahre später kam es erneut zu einer Auseinandersetzung mit den Türken. Ca. 40.000 Mann belagerten und eroberten die Burg von Györ (Raab). Diese Niederlage duldete der Kaiser keineswegs, sondern verurteilte die "Paktierer mit dem christlichen Erbfeind" zum Tod.

1595 nahm das kaiserliche Heer die Burg zu Gran (Esztergom a. d. Donau) ein. Die Stürmung der Festung wurde besonders verherrlicht dargestellt: TEXTERA DOMINE FEC(IT) 1595. Drei Jahre später wurde Györ (Raab) unter Führung von Adolf Schwarzenberg ebenfalls wieder zurückerobert. Diesen und weitere militärische Siege ließ Rudolf gehörig feiern, Maler und Bildhauer wurden mit einer stilisierten und idealisierten Darstellung der Ereignisse beauftragt. So waren Fortuna und Victoria Personifikationen der Siege Rudolfs (hauptsächlich gewonnene Schlachten in den Türkenkriegen). Graphische Darstellungen mit Allegorien der beiden antiken Göttinnen sind uns von zweien seiner Hofmaler - Aegidius Sadeler und Bartholomäus Spranger - erhalten geblieben.



Der Bruderzwist

"Des Menschen Recht heißt hungern,
Freund, und leiden,
Eh' noch ein Acker war, der frommer Pflege
Die Frucht vereint, den Vorrat für das Jahr;
Als noch das wilde Tier, ein Brudermörder,
Den Menschen schlachtete der waffenlos,
Als noch der Winter und des Hungers Zahn
Alljährlich Ernte hielt von Menschenleben.
Begehrst ein Recht du als ursprünglich erstes,
So kehr zum Zustand wieder der der erste.
Gott aber hat die Ordnung eingesetzt,
Von da an ward es licht, das Tier ward Mensch.

Ich sage dir: nicht Szythen und Chazaren,
Die einst den Glanz getilgt der alten Welt,
Bedrohen unsre Zeit, nicht fremde Völker:
Aus eignem Schoß ringt los sich der Barbar,
Der, wenn erst ohne Zügel, alles Große,
Die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche
Herabstürzt von der Höhe, die sie schützt,
Zur Oberfläche eigener Gemeinheit,
Bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig."


Franz Grillparzer
Auf diese Weise charakterisiert Franz Grillparzer in seinem Drama "Ein Bruderzwist im Hause Habsburg" die Feindschaft zwischen Rudolf und seinem Bruder Matthias, unter der der Kaiser weit mehr litt als unter allen anderen Konflikten in dieser Zeit. Erzherzog Matthias war um fünf Jahre jünger als sein Bruder und sollte zunächst eine geistliche Laufbahn ergreifen. Da Matthias aber nach gewissenloser Selbstbestätigung Ausschau hielt, währten diese Pläne seines Bruders nicht lange.

Nachdem sich Matthias zunächst als Vermittler zwischen der protestantischen und katholischen Front in den Niederlanden versucht hatte, kehrte er nach Österreich zurück und wurde Statthalter in Ober- und Niederösterreich. Seine Kontakte zu Kardinal Khlesl sollten sein weiteres Wirken bestimmen. Auslösendes Moment für den Bruderzwist war die Tatsache, daß Rudolf zeitlebens unverheiratet blieb, daher keinen erbberechtigten Nachfolger hatte, und die Herrschaft auch keinen seiner Brüder abtreten wollte, trotz seines immer schlechter werdenden Gesundheitszustandes. Die Regierungsunfähigkeit des Kaisers nahm immer größere Ausmaße an. Matthias war zweifellos der Anführer der Verschwörung gegen seinen Bruder, mitbeteiligt waren jedoch auch Erzherzog Maximilian III. und der Erzherzog Ferdinand.

Diese drei Verbündeten trafen einander in der Konferenz von Schottwien, um über die Zukunft Rudolfs zu beraten und erste Schritte einzuleiten. Khlesls Plan sah vor, daß die einzelnen Erzherzöge Rudolf brieflich ihren Unmut über die Lage äußern sollten. Der Kaiser müßte sich außerdem einer Kur unterziehen. Maximilian sollte zu einem klärenden Gespräch nach Prag aufbrechen, doch Rudolf lehnte es ab, seinen Bruder zu empfangen. Kardinal Khlesl gelang es, durch Verhandlungsgeschick im Wiener Vertrag von 1606, Erzherzog Matthias mit Unterstützung der übrigen Erzherzöge zum Oberhaupt der Habsburger zu erklären.

Rudolf, der zwar durch religiöse Zugeständnisse Unterstützung durch die böhmischen Stände erhielt, geriet in eine immer schwierigere Lage, denn sein Bruder schloß Bündnisse mit den niederösterreichischen Ständen sowie jenen in Mähren und Ungarn. Schließlich sah sich Rudolf gezwungen, Matthias im Vertrag von Lieben die Herrschaft über Ungarn, Ober- und Niederösterreich abzutreten. Die Situation schien sich vorläufig beruhigt zu haben, jedoch war die Frage der Nachfolge Rudolfs noch nicht gelöst. Zusätzlicher Streitpunkt der beiden Brüder bildete eine weitere Erbfolgefrage im Heiligen Römischen Reich. Versuche Rudolfs, wieder an politischer Macht zu gewinnen, scheiterten. Matthias zog im März 1611 in Prag ein und übernahm nun auch die böhmische Herrschaft. Er ließ seinen kranken Bruder gefangennehmen. Rudolf II. starb schließlich im Jänner 1612.


Hofstaat, Berater und Vertraute

Der Hof in der Prager Burg war das politische, gesellschaftliche und kulturelle Zentrum Rudolfs. Geschäfte aller Art wurden hier abgewickelt, Kultur wurde gepflegt und geschaffen, politische Entscheidungen gefällt. Die zahlreich erhaltenen Hofstaatsverzeichnisse Rudolfs geben einen Eindruck von der Anzahl, Art und Aufgabe der Menschen, die an Rudolfs Hof tätig waren:
"Das Küchenwesen stand unter dem Kuchelmeister, welcher 600 fl. und für sich und einen Buben freie Kost erhielt. In Verwendung bei der k. Küche standen: der Küchenschreiber (240 fl.), der Einkäufer (180 fl.), Zuschroter, Mundkoch, 6 Köche (je 170 fl.), zwei Pastetenköche (je 140 fl.), 7 Unterköche (je 100 fl.), 8 Kuchelbuben (je monatlich 8 fl.), 2 Kuchelträger, 3 Zergadenträger, 2 Marktträger, ein Holzhacker (alle je monatlich 2 fl.), der Hofbäcker (180 fl.), Zuckerbäcker (60 fl.) und der Kuchelthürhüter (monatlich 8 fl.). Alle zur k. Küche gehörigen Personen hatten freie Kost, die 4 ersteren auch noch einen Buben. Der k. Hofkeller stand zunächst unter dem Kellermeister (240 fl.) mit 3 Kellerschreibern (je 130 fl.) und zwei Kellerbindern (je 60 fl.). Für die Beleuchtung hatte der Lichtkämmerer zu sorgen, welcher für sich und seinen Gehilfen 240 fl. erhielt. Dazu kamen noch für das Auftragen der Speisen und Getränke 12 Mundschenken, 7 Vorschneider, 4 Panathiere (Speisenträger), 24 Truchsessen und zwei Truchseßdiener sowie das Personal der Silberkammer." (VOCELKA 1985, S. 72)
Der kaiserliche Hof reichte als Ort für politische Entscheidungen nicht aus. Dem Kaiser unterstand eine Vielzahl von Verwaltungsbehörden des Heiligen Römischen Reiches, Österreichs, Böhmens und Ungarns. Der Rat des Kaisers setzte sich aus (vorwiegend böhmischem) hohen Adel zusammen. Ihm gehörten beispielsweise Georg Popel von Lobkowitz oder Karl von Liechtenstein an. Siegmund Vieheuser bekleidete das Amt des Vizekanzlers, Jakob Kurz von Senftenau war Reichsvizekanzler. Geheimsekretäre des Kaisers waren Johann Barvitius sowie Andreas Hanewald, der das Amt des Reichshofsekretärs einnahm und dem Kaiser auch in den schwierigen Zeiten des Bruderzwistes unterstützend zur Seite stand. Das führte dazu, daß er ebenso wie Rudolf eingekerkert wurde.

Auch von Seiten des Heeres war Rudolf die Unterstützung sicher. Zu erwähnen ist beispielsweise Generalproviantmeister Zacharis Geizkofler, der Rudolf während der Türkenkriege die Organisation, Koordination und Finanzierung der Truppen sicherte. Adolf von Schwarzenberg, eigentlich ein Anhänger von Erzherzog Matthias, sollte von Rudolf ausgezeichnet werden, denn ihm gelang die Rückeroberung der Stadt Raab im Krieg gegen die Türken. Wenige Kammerdiener genossen das spezielle Vertrauen des Kaisers. Nur ihnen gegenüber äußerte sich der Kaiser zu privaten Sorgen und Problemen, sie erlebten Rudolf auch in schwierigen und wenig glanzvollen Stunden. Einer jener Vertrauten des Kaisers war Johann Popp, ein weiterer Hieronymus Makowsky.

Eine besondere Position nahm Philipp Lang ein. Seinen reger Schriftverkehr läßt Rückschlüsse auf seine nicht zu unterschätzende Vermittlerrolle zu. Er organisierte Audienzen, nahm Anfragen und Bitten an Rudolf entgegen. Weitere wichtige Vertraute waren Jacopo da Strada und dessen Sohn. Ihnen war es als einzigen vorbehalten, den Kaiser in seiner Sammeltätigkeit zu unterstützen. Sie traten als Kustoden der rudolfinischen Kunstkammer auf. Zuletzt sei noch Johann Freiherr von Khevenhüller erwähnt, ein Mann, den Rudolf seit seiner Jugend kannte. Khevenhüller stellte sich ebenfalls in den Dienst des Sammelns und versuchte außerdem (wenn auch vergeblich) in Heiratsbelangen zu vermitteln.